AKTUELL

Politisches Nachtgebet

22.07.2021

Am Freitag, dem 17. September, 19.30 Uhr, findet das nächste Politische Nachtgebet mit Stefan Mertenskötter statt.

Stefan Mertenskötter, der Vorstandsvorsitzende von „arche noVa-Initiative für Menschen in Not e.V.“, wird über die Arbeit dieser Dresdner Hilfsorganisation berichten. arche noVa entstand in den frühen 90er Jahren aus der Initiative einiger engagierter Dresdner, die mit alten Armeelastern  Hilfe in den Irak brachten. Heute leistet diese Organisation humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit in 14 Ländern, vor allem in Afrika und Asien. Gleichzeitig blieb sie regional verwurzelt. Mit Aufklärungs- und Bildungsarbeit an Schulen sensibilisiert sie zudem junge Menschen für gerechtes und verantwortungsbewusstes Verhalten in der globalisierten Welt.

„Das ging unter die Haut“

Joachim Krause im „Politischen Nachtgebet“: Die Kirche und der Nationalsozialismus - was geht uns das heute noch an?

Wie mag das sein, wenn man auf dem Dachboden an die 2000 Briefe und Tagebücher der Eltern und aus der Familie findet, geschrieben in den Jahren 1933 bis 1945? Und wenn man dann feststellt, feststellen muss, dass Eltern und Verwandte zeitweise, manche bis zum bitteren Ende überzeugte, ja glühende Nazi-Anhänger waren?

Wie mag das sein, wenn man tiefer eindringt in die Geschichte der evangelischen Kirche im Nationalsozialismus und feststellt, dass die „Bekennende Kirche“ keineswegs die evangelische Widerstandsbewegung war, als die sie gerne dargestellt wird. Ein Gegenpol zu den nazitreuen „Deutschen Christen“ - ja, aber in kritischem Widerstand gegen das Regime? Beide Glaubensgemeinschaften erkannten den Nationalsozialismus nicht nur als staatliche Obrigkeit an, sie identifizierten sich weitgehend positiv mit dem NS.

Es ist uns heute noch peinlich, dass elf evangelische Landeskirchen, darunter auch Thüringen und Sachsen, 1939 maßgeblich beteiligt waren an der Einrichtung des „Entjudungsinstituts“ in Eisenach, dem berüchtigten „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Und dass dessen langjähriger akademischer Direktor Walter Grundmann, ein Pfarrer und frühes Mitglied der NSDAP, auch nach 1945 wieder Karriere machen konnte in der evangelischen Kirche?

Joachim Krause, Naturwissenschaftler, Theologe und Buchautor,  hat sich mit all diesen Fragen - auch in seiner eigenen Familiengeschichte - beschäftigt. So war er ein kenntnisreicher Referent beim „Politischen Nachtgebet“ in unserer Kirche am 9. Juli. „Im Glauben an Gott und Hitler“ heißt eines seiner Bücher, in dem er die Geschichte der „Deutschen Christen“ beschreibt. Und der Titel zeigt auch in gewisser Weise das ganze Dilemma. Denn: Für die meisten Deutschen war das kein Widerspruch.

Das Thema sei „etwas Dunkles, über das man nicht gerne redet“, stellte Krause bei vielen Recherchen zu Kirche und Nationalsozialismus fest. Er stieß auf „eine Wand des Schweigens“. Eine Aufarbeitung, eine Auseinandersetzung mit der Verstrickung von Christen in den Nationalsozialismus werde „nur ansatzweise geführt“. So durfte nach dem Krieg die Kirche eine Entnazifizierung nach ihren Regeln und selbsttätig durchführen. Auch belastete Pfarrer wurden oft nur versetzt oder durften nach der Entlassung bald wieder arbeiten.

Joachim Krause wagte einen oft beklemmenden, stets kritischen Blick auf das Verhalten der Kirche in jener Zeit. Der fand durchaus Widerspruch im sachkundigen Publikum, gerade auch, was die Bewertung der Rolle der „Bekennenden Kirche“ anging. Insgesamt schlug der Referent aber einen  weiten Bogen. Vom Antisemitismus schon in Schriften Martin Luthers bis heute, etwa dem Umgang mit dem ehemaligen Landesbischof Carsten Rentzing und umstrittenen Artikeln aus seiner Jugend, der ihn schließlich zum Rücktritt veranlasste. Was unterscheidet einen wertkonservativen Christen vom Rechtsextremismus?

Durch den Abend zog sich die Frage nach Schuld und Verantwortung, auch die Erkenntnis, dass gerade die Kirche als moralische Instanz sich Fragen zu ihrer Haltung in besonderem Maße stellen muss. Krause: „Das ist ein schmerzliches Nach-Denken über eine Zeit, die uns nicht loslässt.“ Sie mag lange her sein, sie ist trotzdem aktuell. Und führt unweigerlich zu der Forderung, ob und wie sich die Kirche politisch einmischen soll.

Es sei ein Abend gewesen, „der unter die Haut ging“, resümierte Pfarrer Gabriel Beyer. Der Umgang mit Christen, die aus späterer Sicht schuldig geworden seien, sei schwierig. „Als guter Christ will man gnädig sein“, doch in schlimmen Fällen werde Gnade durchaus als Unrecht gebrandmarkt. „Es ist viel falsch gelaufen, auch in unserer Kirche. Wir können uns dafür schämen und trauern, aber jetzt anklagend mit dem Finger zu zeigen, steht uns nicht an.“

Das Fazit zog am Ende unser Gemeindemitglied Klaus Gaber, der die Vortragsreihe ins Leben gerufen hat und organisiert: „Man kann nicht die Augen zudrücken. Man muss hinschauen und dazulernen. Ich kann  nur sagen: Wehret den Anfängen! Und auch darum machen wir das „Politische Nachtgebet“. Weil wir wollen, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Bernd Hempelmann

 


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