Entscheidungsträger müssen Rückgrat zeigen

Politische Nachtgebete - Archiv 2025

Oft eine Entscheidung auf Leben und Tod

Richterin Dr. Carola Vulpius sprach beim Politischen Nachtgebet im Oktober über das Asylrecht.

Wenn’s kompliziert wird, ist es hilfreich, erstmal Ordnung in die Begrifflichkeiten zu bringen. Genau das tat Dr. Carola Vulpius, als sie beim Politischen Nachtgebet im Oktober zum Thema „Asyl“ sprach. Sie ist als Richterin am Verwaltungsgericht seit vielen Jahren mit Asylverfahren befasst, besonders Afghanistan, auch Syrien. Wobei „Asylrecht“, wie im Artikel 16a Grundgesetz definiert, ein Überbegriff ist, der sich auf die Gesamtmöglichkeiten des Schutzes bezieht. Er selbst greift nur dann, wenn ein Flüchtling nicht direkt aus einem sicheren Drittstaat gekommen ist - und das ist in Deutschland kaum möglich, da die Einreise immer aus den Nachbarstaaten erfolgt. 
Es gibt dann den „Flüchtlingsschutz“ mit dreijähriger Aufenthaltserlaubnis, zudem - etwas niedriger angesiedelt - den „subsidiären Schutz“, der etwa keine Familien-nachholung ermöglicht, mit einjähriger Aufenthalts-erlaubnis, schließlich das einfache „Abschiebungsverbot“, etwa bei einer schweren Erkrankung oder wenn im Zielland eine erhebliche Gefahr für Leib, Leben oder körperliche Unversehrtheit droht. „Das wird aber sehr streng gehandhabt“, sagte Vulpius. Sie ging noch weit detaillierter ein auf die Definition der Begriffe und die Konsequenzen des jeweiligen Status. Und kam dann zu ihrer Arbeit - denn erst, wenn jemand beim BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, abgelehnt wurde, landet der Fall vor Gericht.
„Jeder Staat“, erklärte Dr. Vulpius, „prüft die Asylfälle nach seinem Rechtssystem durch.“ Die Richter müssten sich lange beschäftigen mit dem Asylbewerber „und uns seine Geschichte anhören“. Man müsse viel nachfragen, „um zu verstehen, was die uns sagen wollen“. Man müsse sich klarmachen, dass - etwa in Afghanistan - die Gesellschaft ganz anders sei, das Land, das Leben, die Gebräuche. Da gebe es zum Beispiel die Blutrache noch. „Und der Asylbewerber kann sich auch nicht da reinversetzen, warum wir das nicht verstehen.“
Es sei ihr wichtig, verständlich zu machen, „was uns Richtern da aufgebürdet wird“. Es sei schließlich oft eine Entscheidung auf Leben und Tod, in Afghanistan sowieso. Man brauche viel Erfahrung, viel Recherche. Und Dolmetscher - „da muss man großes Vertrauen haben“. Zwar gebe es „Erkenntnismittel“, von unterschiedlicher Qualität - Lageberichte zu den Ländern aus dem Auswärtigen Amt, Berichte aus der EU, auch aus anderen europäischen Ländern, von Amnesty International… „Aber am Ende muss ich eine Überzeugung gewinnen. Glaube ich dem Flüchtling? Ist die Geschichte kohärent?“ Da könne sich ein Richter oft sehr alleingelassen fühlen, es sei eine große Belastung - „deshalb halte ich auch solche Vorträge“.
Eine lebhafte Fragerunde schloss sich an. Etwa zum Thema Ortskräfte - Afghanen, die während des Militäreinsatzes dort für die deutschen Streitkräfte gearbeitet haben und nun in großer Gefahr sind. „Ich finde es ganz schlimm“, sagte Vulpius, „ dass wir nicht einhalten wollen, was wir versprochen haben - dass wir sie nach Deutschland in Sicherheit bringen.“ Etwa zum Thema Kirchenasyl. „Ich verstehe jeden, der helfen will, aber wenn man Gesetze überhaupt nicht mehr einhalten will, schadet das dem Rechtsstaat.“ Sie kenne selbst einen Fall, „da war die Gemeinde sehr rechtsfern“.
Warum kommen so viele junge Männer? „Weil bei familiären Streitigkeiten die Blutrache droht. Da sagt die Mutter, du musst gehen und uns helfen, Geld schicken.“ Und dann ein Fall aus ihrer Praxis: Da war ein Minderjähriger gekommen, hatte sich „super integriert“, hatte eine Arbeit,, war in zwei Fußballvereinen aktiv, wurde volljährig - und bekam die Ausweisung. Er sei völlig verzweifelt gewesen, erinnerte sich die Richterin, bekam eine Depression, fragte sich, was habe ich falsch gemacht? Nun ja - nichts, aber so war die Rechtslage, die auch immer mal wieder führt zu der Frage: Schieben wir die Falschen ab?
Pfarrer Beyer hatte in seinen einleitenden Worten daran erinnert, dass „schon in der Bibel das Asylrecht geregelt“ war. „Unter den Städten, die ihr ihnen (den Leviten) abgebt, sollen sechs Asylstädte sein, die ihr als Zufluchtsort für den bestimmt, der einen Menschen getötet hat“, heißt es im 4. Buch Mose. Denn: „Die Städte sollen euch als Asyl vor dem Bluträcher dienen, sodass der, der getötet hat, nicht sterben muss, bevor er vor dem Gericht der Gemeinde stand.“ Und schon im 2. Buch Mose ist beschrieben: „Wer einen Menschen tötet, dass er stirbt, der soll des Todes sterben. Hat er ihm aber nicht nachgestellt, sondern hat Gott es seiner Hand widerfahren lassen, so will ich Dir einen Ort bestimmen, wohin er fliehen kann.“ Interessant, fand Pfarrer Beyer, weil ein Unterschied gemacht werde zwischen Mord und Totschlag und weil „die Blutrache zurückstehen soll hinter dem übergeordneten Recht des gesamten Volkes“. Dabei sah er im Asyl eine Doppelfunktion - Schutz vor Verfolgung einerseits, aber auch Strafe, weil man ja die Heimat verlassen muss.
Peter Setzmann am Flügel stimmte in seiner Musikauswahl ein auf das Leben mit und gegen Recht und Gesetz - mit der allseits bekannten „Tatort“-Titelmelodie und der nicht weniger bekannten „Mackie Messer“-Moritat aus Brechts Dreigroschenoper. Das letzte Wort jedoch gebührt hier Dr. Vulpius: „Ich sehe“, sagte sie, „dass ein Großteil der Bevölkerung das, was nun bei uns eingetreten ist, nicht will. Solange wir eine Regierung haben, die sich an die Gesetze hält, kann man diese Dinge nicht auf die Schnelle ändern. Ich sage aber erstens, dass wir Menschen brauchen, und zweitens, dass nicht jeder Flüchtling eine Gefahr darstellt.“

Das soziale Gehirn

Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Philipp Kanske sprach beim Politischen Nachtgebet im September

Liebe, Zorn, Güte, Neid - die Bibel hat viel zu bieten, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen, das gesellschaftliche Mit- (oder Gegen-)einander geht. Pfarrer Gabriel Beyer konnte also - anders als oft sonst beim Politischen Nachtgebet - aus dem Vollen schöpfen, als er einleitende Worte zum Vortrag von Dr. Philipp Kanske fand. Der ist Professor an der TU Dresden für Klinische Psychologie und Behaviorale Neurowissenschaft - klingt spröde, aber mit seinem Vortrag „Das soziale Gehirn“ gelang Prof. Kanske Ende September ein interessanter, lebendiger Abend in unserer Kirche.
„Gibt es ein Primat des Verstands vor dem Gefühl“, hatte Pfarrer Beyer den Wissenschaftler gefragt, „oder sind wir den Gefühlen gnadenlos ausgeliefert?“ Prof. Kanske hat sich unter anderem mit der Untersuchung beschäftigt, welche Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn wir in sozialen Beziehungen - welcher Art auch immer - unterwegs sind. Denn sie sind wichtig: „Wir sind unser ganzes Leben davon abhängig“, sagte Kanske, „zwischen den Menschen, aber auch zwischen den Gesellschaften weltweit.“ Bei der Kommunikation, im besten Falle Verständigung, gehe es darum, wie sehr man sich in den anderen hineinversetzen kann - sich einfühlen oder sich eindenken.Das sind zwei grundverschiedene Fähigkeiten. Kleine Kinder können zum Beispiel früh mit anderen mitfühlen, die „Fähigkeit des Perspektivwechsels“ aber entwickelt sich erst ab vier Jahren. Die beiden sprechen im Gehirn auch unterschiedliche Bereiche an. Das bestätigte sich in Test mit Probanden: Im Kernspintomographen wurden ihre Gehirnaktivitäten in verschiedenen Situationen gemessen, denen sie in kurzen Videos ausgesetzt waren - mal sehr emotionale, mal nüchtern-neutrale. „Die Reaktionen werden im Gehirn an verschiedenen Stellen sichtbar“. Auf Schautafeln machte Dr.  Kanske das deutlich. 
Mitfühlen zu können, Empathie zu haben, ist also das eine. Sich in jemand anderen hineindenken, das andere. Und haben die beiden miteinander zu tun? „Das ist nicht der Fall“, war das klare Fazit des Forschers. „Man muss die Prozesse getrennt anschauen und auch getrennt trainieren, wenn man sie ändern will.“ Denn darum ging es eigentlich immer wieder: Kann man das lernen oder verbessern? „Klares Ja“, meinte der Professor. Es sei aber ein längerer Prozess. Er braucht „eine sehr bewusste Selbstreflexion“, Ausdauer, Mühe, möglicherweise Hilfe von außen, es gehe aber auch selbst - man muss die Methode finden, mit der man am besten daran arbeiten kann, zum Beispiel Meditation.
Es ist aus Sicht von Prof. Kanske aber eine sinnvolle Herausforderung: „Denn das Mitgefühl ebenso wie die Fähigkeit, sich in den anderen einzudenken, sind wichtig für das soziale Verhalten.“ Wenn man sich bemüht, kann man das Gehirn verändern. „Eigentlich geht es gern die gewohnten Bahnen“, beschrieb Prof. Kanske. „Aber je mehr ich neue Wege gehe, desto stärker werden diese  Verbindungen im Gehirn - aus dem Trampelpfad wird eine Autobahn.“ Und die Anstrengung lohnt sich: Tests zeigten unter anderem, dass Menschen, die ihr Mitgefühl trainierten, in Stresssituationen deutlich ruhiger und entspannter blieben.
Einfühlsam wie immer blieb Peter Setzmann am Flügel, auch bei der Musikauswahl. Ein Stück aus „König der Löwen“, am Ende mit Michael Jacksons „Earth Song“ ein geradezu flehentlicher Appell für eine bessere Welt. Und an jenem Abend mit Prof. Kanske hörten die Zuhörer einmal mehr, sozusagen wissenschaftlich belegt, dass man daran arbeiten kann; nicht zuletzt bei sich selbst.

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann

„Ich würde wieder mitmachen“

Klaus Kuhn sprach beim Politischen Nachtgebet im Juni
über den „Bürgerrat Friedensstadt Dresden“

3000 Menschen in Dresden wurden angeschrieben. 180 antworteten, 50 wurden schließlich ausgesucht - eine möglichst vielfältige, zufällige Zusammensetzung. So entstand im Frühjahr der „Bürgerrat Friedensstadt Dresden“, eine Initiative der Stiftung Frauenkirche. Einer dieser Bürgerräte war Klaus Kuhn, Jahrgang 1953, aus Loschwitz - im Juni kam er zum Politischen Nachtgebet in unsere Kirche, um darüber zu erzählen unter dem Thema „Bürgerräte - Demokratie auf Augenhöhe“.

Denn das war das Ziel: Am Ende der Politik Empfehlungen geben zu können für eine friedliche Stadtgesellschaft. Dafür trafen sich die 50 Teilnehmer an zwei Wochenenden in der Unterkirche der Frauenkirche und bei einer online-Sitzung. Sie diskutierten, begleitet  von erfahrenen Moderatoren und einer Reihe von Vorträgen, mehrere Konfliktfelder: „Gefährdung des Demokratischen Miteinanders“, „Diskriminierung“, „Unfreundlichkeit und fehlende Rücksichtnahme“, „Gewalt und Bedrohung im öffentlichen Raum“, „Gruppen- und Interessenkonflikte“. Dabei ergab sich eine erstaunliche Bandbreite, die von Erfahrungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit reichte bis hin zu Pegida und Afd, zum Dresdner Gedenken an den 13. Februar, oder auch einfach nur zu Auseinandersetzungen bzw. einem Interessenausgleich zwischen Rad- und Autofahrern.

Klaus Kuhn berichtete über die Treffen und hielt eine reflektierte und durchaus nicht unkritische Rückschau auf die Zusammentreffen. „Es gab sehr viel, manchmal zu viel  Konsens in den Arbeitsgruppen, sehr viel Harmonie“, stellte er fest. „Da war eine freundliche, gelöste Atmosphäre.“ Das entspreche sicher nicht der täglichen Wirklichkeit. Aber es sei ein Beispiel „für gelebte Demokratie, für Demokratie vor Ort“.

Nun kann man davon ausgehen, dass wer sich für so ein Projekt meldet, ohnehin Interesse an der Politik hat. Aber das war nicht unbedingt der Fall. Kuhn erinnerte sich, dass einige Leute erklärten, wäre die Initiative nicht von der Frauenkirche ausgegangen, hätten sie nicht mitgemacht. Und eine Frau sagte ganz offen, ihr gehe es finanziell so schlecht, sie habe es wegen der Aufwandsentschädigung getan. Sehr unterschiedliche Motive. Man habe aber Leuten einen Weg geebnet, sich mit Politik zu beschäftigen: „Endlich hört mal jemand zu, was ich sage.“

Die Teilnehmer jedenfalls waren von dem Format sehr angetan. Zu sehen, dass man in einer größeren Gruppe zu Ergebnissen kommen, dass man sich einigen konnte - gerade auch in einer doch oft streitlustigen Stadt. „Ich würde mich freuen, wenn es so etwas wieder gäbe“, resümierte Klaus Kuhn. „Ich würde wieder mitmachen.“

Am Ende entstand eine 60-seitige Broschüre, die das Projekt beschrieb, die Empfehlungen zusammenfasste und der Stadt übergeben wurde. Im Vorwort hatte OB Dirk Hilbert den Teilnehmern immerhin gedankt für ihren Einsatz. „Wichtig wäre mir, dass wir eine Rückmeldung kriegen für unsere Vorschlage“, sagte Klaus Kuhn - und sprach da sicher für alle 50 Bürgerräte. In einem Jahr soll nochmal nachgefragt werden, ob und was die Stadt tatsächlich umgesetzt hat.

Nach dem Verhältnis von Untertan zu Obrigkeit in der Bibel fragte in seinen einleitenden Worten unser Pfarrer Beyer. Da gibt es die die oft zitierte Stelle im Römerbrief, Kapitel 13: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit… Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott.“ Oder im ersten Buch Mose: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.“ Zwei Stellen, die der Deutung bedürfen. Und Pfarrer Beyer deutete sie mit der darin enthaltenen Verantwortung: Es geht bei Moses nicht ums Beherrschen, sondern darum, die Schöpfung zu bewahren und zu pflegen. Und für den  Römerbrief prägte er den schönen Begriff vom „Obertan“, der eigentlich Diener seines Volkes zu sein habe, also nach dessen Besten streben müsse. Da kann ein Bürgerrat durchaus hilfreich sein.

Peter Setzmann am Flügel ließ es dieses Mal international angehen. Zum Auftakt ein Klavierstück des Südkoreaners Yiruma, nach dem Vortrag/vor der Diskussion das Thema aus dem Film „The Rose“ (USA) und am Ende ein Bossa Nova von Antonio Carlos Jobim aus Brasilien. Den Rat diskussionsbereiter Bürger kann man eben überall in der Welt gebrauchen. Und so lautete auch bei unserem Politischen Nachtgebet eine Empfehlung, Bürgerräte stärker einzubeziehen - nicht zuletzt als ein Mittel gegen die Polarisierung in der Gesellschaft.

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann

OMAS GEGEN RECHTS

mit Claudia Greifenhahn, Monika Staemmler, Monika Wolf
und Christine Weimann am 23. Mai

Die vier Dresdnerinnen wurden von unserem Pfarrer Gabriel Beyer zu ihrem gesellschaftlichen Engagement in der Initiative OMAS GEGEN RECHTS befragt: nach ihren Motiven, Zielen, Erfahrungen und Empfehlungen. In einer sympathisch offenen und auch mit dem Publikum engagiert geführten Gesprächsrunde stellten sie ihre Dresdner Gruppe vor.  Claudia Greifenhahn, Monika Staemmler, Monika Wolf und Christine Weimann haben sich mit etwa 80 weiteren Frauen in Dresden zusammengetan, weil sie wegen des Rechtsrucks in unserer Gesellschaft besorgt sind, weil für sie „Still sein“ keine Option sei.  Sie gehen in die Öffentlichkeit, auch an „brenzlige Orte“, um Stellung zu beziehen gegen rechtsradikale Tendenzen, Rassismus, Fremden- und Frauenfeindlichkeit und Umweltzerstörung, um mit Menschen darüber ins Gespräch zu kommen.

Wobei es ihnen darum geht, nicht nur GEGEN etwas zu sein. Sie stehen auf den Straßen FÜR eine Veränderung des gesellschaftlichen Klimas, FÜR Vielfalt und Toleranz, Demokratie, freiheitliches Denken, eine gesunde Umwelt, respektvolle Diskussionskultur und die Unantastbarkeit der Würde aller Menschen. Sie sind in diesen Zielen verbunden mit den OMAS GEGEN RECHTS in ganz Deutschland und in weiteren europäischen Ländern. Sie haben mit ihren Aktionen zunehmend öffentliche Beachtung, Anerkennung und Würdigung erreicht, z.B. erhielten die OMAS GEGEN RECHTS den Aachener Friedenspreis 2024.

Das heißt aber nicht, dass die Gespräche, die sie ruhig, sachlich und freundlich führen, immer in gleicher Weise beantwortet werden. Auch aus politischen Kreisen bekamen sie Gegenwind. Um sich durch Beschimpfungen, Unterstellungen und Klischees nicht provozieren zu lassen, reflektieren und trainieren sie solche Situationen in Vorbereitungsgruppen. Wichtig ist ihnen, die Gewalt in der Sprache zu durchbrechen, Zuhören zu üben und die Sprache der Leute zu sprechen. Sie machen die Erfahrung, dass es dann gelingen kann, ein anfangs konfrontatives Gespräch in einen zivilisierten, ruhigen Gedankenaustausch zu wandeln.

Diese Frauen haben unterschiedliche Herkunft, Erfahrungen und manchmal auch unterschiedliche politische Ansichten.  Die werden fair und demokratisch miteinander diskutiert, um dann zu gemeinsamen Schwerpunkten und Argumenten zu kommen. Sie verstehen sich als eine überparteiliche Gruppierung, die nicht von öffentlichen Zuwendungen abhängig ist.

Warum gibt es keine OPAS GEGEN RECHTS, wurden sie gefragt. Sie nehmen gern jede Unterstützung an, glauben aber, dass es einfacher sei, in einer homogenen Gruppe zu agieren. Auf die Frage nach der Wirksamkeit konnten die vier Frauen auf keine messbaren Ergebnisse verweisen. Die Tatsache aber, dass sie weit beachtete gesellschaftliche Anstöße geben, spricht jedoch dafür.

Die Sinnhaftigkeit ihres Tuns drückte eine Teilnehmerin der Gruppe mit dem Vaclav-Havel-Zitat aus: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Diesen Sinn untermalte Herr Setzmann am Flügel in einfühlsamer Weise mit der Auswahl seiner musikalischen Themen. Das Publikum an diesem Abend dankte den engagierten Frauen mit Anerkennung für ihr Engagement und Respekt für ihren Mut.

Klaus Gaber, Foto: Anke Gaber

„Wir müssen in den Maschinenraum“

Ex-Minister Thomas de Maizière sprach über eine grundlegende Staatsreform beim Politischen Nachtgebet im April

Was hatte sich Peter Setzmann am Flügel da nur wieder ausgedacht: „Take five“ spielte er zum Auftakt des Politischen Nachtgebets im April mit Thomas de Maizière - das bekannte Jazzstück hat den ungewöhnlichen Fünf-Viertel-Takt. Das passte. Denn über einen etwas aus dem Takt geratenen Staat sprach auch der ehemalige Landes- und Bundesminister an diesem Abend - sein Thema: Was ist eigentlich los in Deutschland?

„Heute gibt’s Schwarzbrot, kein Toastbrot“, stimmte er gleich auf das Folgende ein und beschrieb, was dem Land schwer im Magen liegt. Es waren Themen, die wir alle kennen: von veralteter Infrastruktur bis zur Sorge um den Krieg in Europa, mangelnde Digitalisierung, Wohnungsnot, die Demographie („wir haben nicht zu viele Alte, wir haben zu wenig junge Menschen in Deutschland“). Das alles eingebettet in eine immer unsicherer werdende internationale Lage, in der die Bedeutung „des Westens - die USA und Europa“ zunehmend schwinde. Das habe dazu geführt, dass bei den Bürgern im Krisenmodus trotz eines insgesamt hohen Lebensstandards das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates gesunken sei. „Viele sehen den Staat überfordert - und das ist ein sehr schlechtes Zeugnis.“

Was erwartet also der Bürger vom Staat? (Und umgekehrt?) Thomas de Maizière setzt sich zurzeit mit dieser Thematik auseinander. Zusammen mit dem ebenfalls ehemaligen Minister Peer Steinbrück, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Thomas Voßkuhle und der Managerin Julia Jäkel hat er die „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ ins Leben gerufen, die dazu Empfehlungen unterbreitet. Es brauche, so de Maizière „eine grundlegende Reform. Nicht die Frage nach dem „wer“ oder dem „was“ sei entscheidend, sondern die Frage nach dem „wie“. Dafür „müssen wir in den Maschinenraum des Staates“, forderte der Politiker.

So müssten z.B. die Strukturen durchforstet werden, beim Katastrophenschutz etwa die Zuständigkeiten des Bundes und der Länder. Es sollte ein „Abweichungsrecht“ geben - Beispiel: wenn in einer Kita-Gruppe ein Kind mehr ist als zulässig. „Man darf vom Standard abweichen, wenn die Pflicht erfüllt und die Sicherheit gewährleistet ist.“ Daraus ergibt sich ein Grundgedanke: Mehr Vertrauen in die Bürger - weniger Misstrauen, das eine Regulierungsflut nach sich zieht. Das bedeute dann auch den „Abschied von gewohnten Regeln - über die wir aber gleichzeitig schimpfen“.

Die Demokratie beschrieb de Maizière mit „Partizipation, Repräsentation und Problemlösung“ - bei den ersteren „sind wir gut“, letzteres muss verbessert werden. Da nahm er auch die Bürger in die Pflicht: „Engagieren Sie sich in Institutionen, die es gibt, um Aufgaben anzugehen, Probleme zu lösen.“ Im Moment seien wir „an einem sehr kritischen Punkt in Deutschland“, aber er meine das positiv: „Es gibt jetzt ein Momentum - ein Fenster für Veränderung.“

Darauf verwies auch Pfarrer Beyer in seiner Einführung. Dass die Demokratie  engagierte Bürger brauche: „Der Staat sind wir.“ Dass es in der Bibel zwar eher um Reiche gehe, die von Königen, von Pharaonen regiert, in denen Götter angebetet wurden. Dem aber stehe dann das christliche Menschenbild gegenüber: „Das war erstmalig und einmalig - dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf und damit die Gleichheit aller Menschen, vor sich und vor Gott.“

Den Schlussakkord setzte Peter Setzmann mit der berühmten Melodie aus Beethovens neunter Sinfonie - „Freude, schöner Götterfunken“. Die ging er aber mit so viel Schwung und Frische, Spielwitz und Improvisationsfreude an, als wolle er sagen: Schaut her, packt’s an, man kann auch mal was wagen.

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann

Entscheidungsträger müssen Rückgrat zeigen

Der Grünen-Politiker Bernhard Herrmann war im März zu Gast
in politisch turbulenten Zeiten

Es war die „Ode an die Freude“, die Peter Setzmann zum Auftakt anstimmte an diesem Freitag Abend im März. Das Schiller-Gedicht, das Ludwig van Beethoven in seiner 9. Sinfonie unsterblich machte und das dann viel später zur Hymne Europas wurde. Und es war eine treffende Wahl, denn als Bernhard Herrmann, zu der Zeit noch Bundestagsmitglied für die Grünen und an jenem Abend Gast beim Politischen Nachtgebet, zu seinem kurzen Statement antrat, da bekannte er sogleich: „Ich bin überzeugter Europäer.“

Eigentlich hatte Herrmann, der 2021 in den Bundestag gewählt worden war, einen Blick hinter die Kulissen des bundespolitischen Geschehens im Allgemeinen geben wollen und sollen, aber zu der Zeit überschlugen sich die Ereignisse: der alte Bundestag abgewählt, der neue noch nicht konstituiert, Diskussionen um eine Lockerung der Schuldenbremse im Grundgesetz, ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro, das auf einmal möglich sein sollten…

Bernhard Herrmann, Jahrgang 1966 - also 23 Jahre alt, als er 1989 die Wende ganz bewusst miterlebte -, beschränkte sich auf eine relativ kurze Einführung. Er beschrieb die drei Dinge, die ihn politisch geprägt haben: der Wunsch nach Freiheit, verbunden mit einer großen Motivation, sich einzubringen; die Bedeutung von Solidarität und Gerechtigkeit; die Sorge um die Zukunft: „Meine beiden Enkeltöchter werden im Jahr 2100 noch auf dieser Welt leben - und sie sollen dann dort auch noch gut leben können.“

Dann gab er den Raum frei für Fragen - und die gab es reichlich. Zum Beispiel Europa. „Wenn wir nicht auch als Europa zusammenhalten, dann werden wir die Freiheit nicht mehr lange behalten, die wir 1989 errungen haben“, zeigte sich Herrmann überzeugt. Sie sei auch durch den Krieg in der Ukraine bedroht. „Wir weiten den Krieg nicht aus, wenn wir die Ukraine unterstützen“, sagte er. Und es sei notwendig, in die Verteidigung des eigenen Landes zu investieren. „Wir wollen, dass alle Länder sich in Frieden und Freiheit entscheiden können, wohin sie sich entwickeln wollen.“ Es verstehe nicht, „wie wir uns in Ostdeutschland wieder in Richtung Russland bewegen können“.

Klare Ansage auch zum viel diskutierten Verbot der AfD. Er sei dafür, „wohl wissend, was das auch in der Umsetzung bedeutet“. Aber die Demokratie sei „in der Lage und Gefahr, sich selbst abzuschaffen, wenn die ,richtigen’ Leute ans Ruder kommen“. Man dürfe „die Gefährlichkeit der AfD nicht unterschätzen“. Wichtig: Entscheidungsträger müssen Rückgrat zeigen.

Gerade auch beim Klima, das ihm natürlich sehr wichtig ist. „Demokratie-sicherung und Klimaschutz gehören zusammen“, ist er überzeugt. Nicht einknicken, wenn sich Widerstand etwa gegen Windräder erhebt, sondern erklären. Europa insgesamt müsse energieunabhängiger werden, sagte der Katholik Herrmann: „Und Wind und Sonne gibt uns die Schöpfung an jedem Punkt der Erde.“ Mit erneuerbaren Energien hat sich der diplomierte Wasserbauingenieur viel beschäftigt. Man müsse eben „Druck machen, dass wir das wirklich wollen“.

Pfarrer Beyer hatte sich zu Beginn des Abends beschäftigt mit der Frage von Kirche, Macht und Politik. Manche fürchteten den Einfluss der Religion, andere wünschten ihn geradezu - „dass jemand mit Haut und Haar für etwas einsteht“. Seine Meinung war klar: „Die Kirche hat im Auftrag Jesu ein politisches Mandat; wir sollen uns einmischen in gesellschaftlichen, politischen Fragen.“ Das habe indes stets seine Grundlage in der Bibel, in Gottes Wort. Folgerichtig sang die Nachtgebet-Gemeinde das Lied 384: „Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach.“ Bernhard Herrmann ist in den neuen Bundestag nicht wieder eingezogen - Platz vier auf der sächsischen Landesliste hat dafür nicht gereicht.

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann

 

Gemeinsinn, Verständigung, Toleranz

Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch beim Politischen Nachtgebet im Februar

In welcher Kultur wollen wir leben? Welche Kultur brauchen wir in der Stadt? Ja, ist uns Kultur überhaupt (noch) wichtig? Und was wollen wir letzten Endes unter Kultur verstehen? Es gibt viele Ansatzpunkte, von denen aus man sich „der Kultur“ nähern kann. Als Annekatrin Klepsch, Linken-Politikerin und seit neun Jahren in Dresden als Bürgermeisterin für die Kultur zuständig, im Februar zum Politischen Nachgebet in unsere Kirche kam, sah sie sich einer großen Aufgabe gegenüber: Welche Rolle spielt Kultur in unserer Gegenwart und in einer Stadtgesellschaft? „Stoff für eine ganze Vortragsreihe“, fand die Bürgermeisterin, sie werde „nur gedankliche Impulse setzen“ können.

Das tat sie mit einem klaren Bekenntnis zur Bedeutung der Kultur - gerade in der heutigen aufgereizten Zeit. „Kultur und Kunst haben die Chance, Menschen zusammenzubringen, bestenfalls auch Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sozialisation, religiösen und politischen Glaubens“, sagte sie. Und sie seien „besonders dann wichtig, wenn andere Orte und Institutionen nur noch ein eingeschränktes Vertrauen genießen oder in weiten Teilen der Bevölkerung gar nicht mehr besucht oder genutzt werden“. Gerade kulturelle Orte in der Stadt seien „Orte der Öffentlichkeit, des nicht kommerzgetriebenen Austauschs und der Verständigung“.

Als gelungenes Beispiel nannte sie den Kulturpalast mitten im Zentrum - mit der Zentralbibliothek und der Dresdner Philharmonie. „Ich nenne es gern unser Wohnzimmer der Stadt“. Städte, Gemeinden und Länder hätten die Aufgabe, Kultur und deren Institutionen einschließlich dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu stärken und zu stabilisieren. Das schließe Wandel und Anpassung, Öffnung und Transformation der Institutionen unbedingt ein. Und es bedeute „ebenso Diskurs, Versuch und Irrtum, Verzicht und Gewinn“, aber es gehe „um Gemeinwesen und Gemeinsinn, um Verständigung und Toleranz“. Gerade in Zeiten des Internets und der so genannten sozialen Medien gebe es „einerseits eine Egalisierung des Meinungsaustauschs und der Meinungsbildung“, andererseits hätten sie über eine „Desorientierung in der Informationsflut, einen kommunikativen Overkill“ zu einer starken politischen Polarisierung, einer „kollektiven Gereiztheit“ geführt.

Begonnen hatte Annekatrin Klepsch ihren Vortrag mit einem eindrucksvollen Blick auf Dresden. Es gebe wohl „wenige Städte vergleichbarer Größe und Einwohnerzahl in Deutschland, die so ein vielfältiges kulturelles Erbe haben“: zwei Spitzenorchester, eine Staatsoper und ein städtisches Musiktheater mit Ballett, das tjg als bundesweit größtes Kinder- und Jugendtheater, Staatsschauspiel, Festspielhaus Hellerau, die Musikfestspiele, Heinrich-Schütz-Konservatorium, Kreuzchor und zwei weitere Knabenchöre, dazu zahlreiche gemischte, mehr als 50 Museen… ihre Liste ging noch lange weiter.

Pfarrer Beyer fand bei der Begrüßung durchaus „christliche Begriffe wie die - in der Gottesebenbildlichkeit begründete - allgemeine Menschenwürde, die Nächstenliebe“ im Kulturbegriff wieder. Er stellte ihm den Gegenbegriff gegenüber - die Natur. Und kam zur biblischen Frage, ob „der Mensch von Natur aus gut ist oder durch die ,Kultur’ der Sünde verderbt“ oder ob er sozusagen von Natur aus sündig, also schlecht sei. Muss eine christliche Kultur also „die falsche Natur des Menschen korrigieren oder eine falsche Kultur (der Sünde) überschreiben“? Wie Natur und Kultur könnten in der Welt ebenso verschiedene Kulturen in Konkurrenz zueinander stehen… Sollte man die nicht nebeneinander dulden oder gar ermöglichen? „Schwierige Fragen“, resümierte er selbst.

Angesichts des kulturellen Schwerpunkts des Abends hatte Peter Setzmann am Flügel sich für Jazz entschieden. Mit Thomas Wallers „Honeysuckle Rose“ ließ er den Abend einschwingen, mittendrin wurde es, wieder mit „Fats“ Waller, ruhiger: „Black and Blue“. Zum Schluss dann schickte er uns mit Tempo und Charlie Parkers „A Night in Tunisia“ auf den Heimweg.

Text und Foto: Bernd Hempelmann

Was tun gegen die Erdüberlastung?

Prof. Edeltraud Günther im Politischen Nachtgebet im Januar

Wie viele Erden braucht der Mensch? Zu diesem Thema war Frau Prof. Edeltraud Günther im Januar in unserer Kirche zu Gast. Sie lehrt an der TU Dresden betriebliche Umweltökonomie und ist Direktorin eines Institutes für Ressourcenmanagement der UNO-Universität. 

In ihrem Vortrag nahm sie die einführenden Gedanken von Pfarrer Beyer zum göttlichen Auftrag in der Schöpfungsgeschichte, die Erde zu bebauen und zu bewahren, auf. Sie vermittelte dann einen eindrucksvollen Überblick über die Belastungsgrenzen der Erde. In vielen Bereichen der Nutzung der globalen Ressourcen sind diese bereits weit überschritten. Der sogenannte Erdüberlastungstag rückt immer weiter im Jahr nach vorn. Deutschland kommt bereits am 3. Mai in die roten Zahlen. Wenn alle so wirtschafteten würden wie wir, brauchte es drei Erden.

Der globale Fußabdruck der Menschheit wird durch die Zahl der Menschen, ihrer Güterausstattung und die technologische Effizienz der Ressourcennutzung bestimmt. Das Wachstum der Weltbevölkerung geht langsam zurück. Der Bedarf jedoch steigt. Diesem widmete die Referentin sehr anregende Überlegungen zu möglichen Einschränkungen: darunter Begrenzung von Siedlungs- und Wohnfläche,  Entlastung der Kleiderschränke durch mehr Fantasie bei begrenzter Kleiderausstattung, gesunde und maßhaltende Ernährung, Verringerung von Klimagasen und anderen umwelt- und gesundheitsbelastenden Emissionen, Einsparungen und technologische Fortschritte bei dem Verbrauch von Ressourcen für unsere Gebrauchsgüter, beim Bauen und im Verkehr. Eine Entkopplung des menschlichen Wohlergehens von materiellem Wachstum bei Achtung globaler Gerechtigkeit ist geboten.

Die Referentin schloss ihren Vortrag mit der Jahreslosung: Prüft alles und behaltet das Gute. Zu diesem Guten gehörte wieder die Musik von Peter Setzmann. In einem anschließenden Gespräch im Gemeindesaal hatten wir die Gelegenheit, weitere Fragen zu stellen. Wir waren Frau Edeltraud Günther dankbar für die offene, sachliche und anregende Diskussion.

Klaus Gaber