ANDACHT

"Ich brauche keine Kirche, ich finde Gott in der Natur."

Diesen Satz höre ich immer wieder einmal. Ein Kreuz auf einer Kirsche, ist das nicht ein Beweis dafür?
Gott lässt sich in der Natur finden, ohne Zweifel. Der Schöpfer ist mittelbar in seiner Schöpfung anwesend und darin ein Stück weit zu erkennen.
Allein, ob das genügt, ob mir die in Kreuzform aufgeplatzte Kirsche sagen kann, wer Jesus Christus ist und was er für mich bedeutet, das ist doch die Frage. Wenn vielleicht große Berge die Größe Gottes andeuten, was ist dann mit dem Hügel? Wenn die Niedlichkeit der Maus Gottes Liebe zum Kleinsten verdeutlichte, was sagt dann das Erdbeben? Die Natur allein erzählt uns nicht genug über ihren Schöpfer. Und wenn Sprecher des oben zitierten Satzes im Urlaub dann jede Kirche besuchen, zeigt das vielleicht, dass sie selbst das auch wissen.
Die alten Kirchen zeigen weniger, wie die Menschen damals lebten, als vielmehr, was sie glaubten. Manches aus alter Zeit mutet heute seltsam an. In anderem erkennen wir tiefe Weisheit. Mythen sind geronnene Weisheit der Völker. 
Was Menschen damals und heute glaubten, was ihre Vorfahren ihnen und uns tradiert, überliefert haben, sind Glaubensbekenntnisse, in denen sie eigene Erlebnisse, Phänomene der Natur oder die Geschichte gedeutet haben. 
In den Ostererzählungen des Neuen Testamentes hat sich niedergeschlagen, dass die Jünger nach der ersten Verzweiflung den Tod Jesu als Tod für uns, als Heilsgeschehen gedeutet haben. Das war ja im Geschehen so nicht festgelegt, das war eine Deutung. Aber eben nicht eine willkürliche aus einer Laune heraus, sondern sie orientierte sich am Leben und Reden Jesu selbst und an den Zeugnissen der hebräischen Bibel, unseres Alten Testamentes. 
Als der römische Kaiser Konstantin bei der Schlacht an der Milvischen Brücke ein Kreuz am Himmel sah, befahl er seinen Soldaten, dieses Kreuz auf ihre Schilde zu zeichnen. Daraufhin gewann er die Schlacht. Er entschied, den christlichen Glauben nicht mehr zu verfolgen. Letztlich wurde er zur römischen Staatsreligion. ‒ Auch Konstantin hatte einen natürlichen Vorfall gedeutet. Ob wir uns dieser Deutung anschließen und seinen Sieg gegen seine Konkurrenten ursächlich dem Kreuz zuschreiben, das ist unsere Entscheidung.
Geschichtlich wirksam wurde diese Deutung dennoch. Sie ist nicht Gegenstand unseres gemein-samen Glaubens, wie es die Bedeutung der Kreuzigung Jesu ist. Deutlich wird daran aber, dass für die Fortführung eines Glaubens durch die Geschichte eine Glaubensgemeinschaft, z.B. die Kirche notwendig ist. Das Römische Reich gibt es heute nicht mehr, so findet sich die Geschichte von der Schlacht an der Milvischen Brücke nur in Geschichtsbüchern. Aber den Tod Jesu und Gott, der ihn auferweckt hat, feiern heute jeden Sonntag Millionen von Menschen.
Lassen Sie sich also ermutigen, im Urlaub oder zu Hause Erlebnisse im Sinne Ihres Glaubens zu deuten. Was etwas für Sie bedeutet, kann Ihnen niemand streitig machen. Und wenn Gott sich Ihnen persönlich offenbart, Sie ein Geschehen so deuten, dann kann das Ihren Glauben stärken und vielleicht auch den derer, denen sie das erzählen. Doch dass wir überhaupt etwas im Sinne des christlichen Glaubens deuten können, das wäre nicht denkbar ohne die Kirche, die uns diesen Glauben überliefert hat. Auch die Bibel ist ja Teil dieser Überlieferung der Kirche. Darum studieren Sie – neben dem Genuss der Natur – auch die Bilder in den alten Kirchen, versuchen Sie herauszubekommen, welche biblische Geschichte im Bild dargestellt wird, und deuten Sie, wie die Menschen damals geglaubt haben: an einen strengen, eifersüchtigen Gott oder an einen Gott der Liebe und Gnade. Ausgehend von Ihrem heutigen Glauben können Sie dann in jedem Berg die Größe Gottes widergespiegelt finden und vielleicht im Schwanz eines Dackels seinen Humor. 

    Ihr Pfr. Gabriel Beyer
 
Aufgenommene Andachten bzw. Gottesdienste aus unserer Kirche
für Ihre persönliche Andacht finden Sie auf unserem
  Youtube-Kanal.