ANDACHT
Himmelfahrt
Der Himmelfahrtstag führt ein trauriges Dasein als christlicher Feiertag. Die Leute gehen kaum in die Kirche, sondern in die Natur. Die Hälfte von ihnen mit Bollerwagen und viel Alkohol, zuerst auf dem Wagen, später im Magen. Einige von ihnen feiern immerhin Gottesdienst im Freien, wenn es die Landschaft und die organisatorischen Fähig-keiten der Gemeinde erlauben.
Nein, es ist kein trauriger Tag. Aber der Charakter des kirchlichen Feiertages bleibt weitgehend verborgen hinter traditioneller Volkstümelei. Warum er eigentlich gefeiert wird, das können sicher noch einige Leute sagen. Wobei die Fahrt Jesu in den Himmel eher kabarettistisch dargestellt und erzählt wird, wozu auch manch christliches Bild beigetragen haben dürfte. Doch was das Fest bedeutet, wie man seine Botschaft heute vermitteln könnte, da wird es ganz schwierig.
Der heutigen Denkweise entsprechend wird meist zuerst gefragt, was denn nun genau wirklich passiert sei. Bei Weihnachten lässt sich das schön sagen, beim Karfreitag immerhin klar und deutlich, bei Ostern wird es kompliziert und bei Himmelfahrt streikt das moderne Bewusstsein gänzlich gegenüber dem, was die Bibel da erzählt. Blättern wir also ein paar Seiten zurück und lesen, was Jesus denn vom Himmelreich gepredigt und mit welchen Taten er das untermauert hat. Da erzählt Jesus von einer Welt, die in Ordnung ist, wo Menschen gut mitein-ander leben können (weil sie auf Gott vertrauen). Mit seinen Heilungen zelebriert Jesus den Willen Gottes, dass jeder Mensch leben soll mit all seinen Möglichkeiten und Gaben, indem er auf Gott als Geber der Gaben vertraut.
Ein Missverständnis entsteht, weil wir Himmel(reich) oder Reich Gottes als Ort verstehen, wo die Welt so wie in Jesu Gleichnissen ist und wo Gott selbst wohnt. Auch wenn der Himmel tatsächlich eher als ein Raum denn als ein Ort beschrieben werden kann. In all unserem Denken gehen wir ja automatisch von den Grundkategorien Raum und Zeit aus, ohne die wir nichts denken können. Aber Himmel(reich) meint eben keinen Ort, zu dem Jesus gefahren ist oder an den wir nach dem Tod kommen. Hier ist die geglaubte Wirklichkeit größer und komplexer, als unsere Sprache und unser Denken das zulassen. Darum spricht Jesus eben in Gleichnissen und Bildern, weil man das nicht direkt beschreiben kann.
Ich versuche mich dennoch, der Sache sprachlich zu nähern: Himmel ist vielleicht ein Zustand, wo der Geist Gottes die Menschen ergriffen hat. Jemand sagte: Nicht Gott ist im Himmel, sondern Himmel ist, wo Gott ist. Das ist schön gesagt, macht nur eine HimmelFAHRT Jesu, der ja selbst Gott ist, unlogisch. Himmelfahrt ist das Gegenstück zu Weihnachten: Gott wurde in Jesus Mensch, nun hört er auf Mensch zu sein und wird wieder ganz Gott, kehrt zurück zu Gott, woher er zu Weihnachten (auf nicht ganz so natürliche Art) gekommen war. – All das sind Versuche, Gottes Komplexität in unser begrenztes menschliches Denken hineinzupressen. Letztlich können wir Gott nicht richtig denken und auch die „Zweinaturenlehre“, nach der Jesus vollstündig Gott und vollständig Mensch ist, überfordert unsere Logik. Dass Gott sich auf uns Menschen eingelassen hat, ja sogar selbst Mensch wurde, ist daher immer schon als Widersinn oder als Gotteslästerung verschrien worden.
Letztlich ist Himmelfahrt die Konsequenz aus dem Gedanken, dass im Menschen Jesus wirklich Gott begegnet ist. Als Mensch begegnete er uns eine begrenzte Zeit, an deren Ende er nicht gestorben ist (Gott stirbt nicht), sondern eben wieder in Gott aufgegangen ist. Anschaulich ist das leider nicht, darum ist die Geschichte der Himmelfahrt doch viel schöner.
Ihr Pfr. Gabriel Beyer