ANDACHT

Gott spricht: Siehe ich mache alles neu!

Liebe Gemeinde, zum ersten Mal habe ich in diesem Gemeindebrief das Titelbild zuerst, bevor ich mit der Andacht auch nur angefangen hatte. Traditionell ist in dieser Ausgabe immer die neue Jahreslosung Thema, und dazu fand ich bei dem Künstler Jonathan Schöps dieses wunderbare Bild. Es hat mich sofort angezogen, nahezu begeistert – und das kommt bei mir selten vor.

Eine Kirchen-Ruine, es stehen nur mehr die Außenmauern, altehrwürdig in malerischer Landschaft, fröhliche Farben und ein munteres Bächlein hört man geradezu plätschern. Viele Menschen darum versammelt, entspannt und locker beisammen, doch jeder für sich an seinem Ort. Und im Inneren der Kirche zieht ein goldenes Licht die Blicke fast magisch auf sich: hier muss etwas Besonderes sein. Doch die Leute rennen nicht alle wie panisch in das lockende Licht, sondern bleiben ruhig in seiner Nähe. Offenbar wissen sie, dass das Licht und seine Quelle bleibt. Es ist kein Sonderangebot, das zur Hektik treibt. Vielmehr freuen sich die Personen des natürlich noch helleren Lichtes der aufgehenden Sonne, während andere im Schatten verweilen und vielleicht in die Kirche schauen. Die Kirche selbst hat kein Dach, sie ist nach oben hin offen, nicht nur für den Regen. Sie wirkt geheimnisvoll, so dass man einerseits sofort hineinwill, andererseits aber doch noch warten möchte, um das Geheimnis als solches noch eine Weile genießen und sich darauf freuen zu können. So sollte Kirche sein, so wünsche ich sie mir.

Ein bisschen ist Kirche auch so, mal mehr, mal weniger. Also unser Dach ist dicht, da regnet nichts rein. Manchmal ist bei uns vielleicht sogar zu viel gedeckelt, nicht nur finanziell. Einige wünschen sich einen direkteren Zugang zum Himmel, anderen ist alles zu hoch in der Kirche.

Die Außenmauern stehen, die Heilige Schrift steht sicher und umschließt uns. Wir müssen nicht jede Stunde hineingehen, wissen aber um ihr Dasein und freuen uns der Sicherheit, die sie bietet. Allein die Größe und Platz der Fenster wird diskutiert. Manchen ist die Kirche zu abgeschottet, zu viel und nur die Bibel, anderen kommt zu viel Fremdes von außen herein. Einige träumen von flexiblen Wänden, die das Eine aus- oder den Anderen veränderbar einschließen könnten. Wir wollen für alles offen sein, aber eben auch nicht nicht ganz dicht. Dazu sollten wir unsere Kirchenmauer, die Bibel wohl auch besser kennen.

Das Wesentliche an der Kirche sind die Menschen. Ohne sie wäre auf dem Bild eine Kirche, aber nicht die Kirche. Ohne Menschen wäre sie ein totes Geheimnis, was niemand lüften wird und was niemanden interessiert. Man sieht den Menschen keine Eigenschaft an, höchstens ob es Kinder sind, manchmal erkennt man Frauen oder Männer. Es ist in der Kirche nicht egal, wer du bist, aber es entscheidet nicht darüber, ob Du dazu gehörst. Wenn Du getauft bist, bist Du da, bist angenommen. Keine Prüfung, keine Hierarchie. So sollte Kirche sein und ist es oft fast schon.

Nun steht aber die Jahreslosung darüber. Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu, ein Wort aus der Ver-heißung des neuen Jerusalem am Ende der Tage, aus der Offenbarung des Johannes. Was eigentlich ist neu auf diesem Bild? Schauen Sie nach!

Neu sind die Kinder und das frische Grün der Pflanzen. Die Kirche selbst ist so alt, dass schon Pflanzen an ihr hochranken. Und dennoch wirkt sie wie neu.

Vielleicht will auch Gott alles erneuern, ohne dass er vorher alles Alte weggeschmissen hat - wie etwa bei der Sintflut. Vielleicht will er die Kirche von innen erneuern, so als ob ein Oldtimer einen generalüberhol-ten Motor bekäme. Nicht alles Alte ist ja schlecht. Oder aber, er erneuert die Kirche in ihrem Wesen, also in ihren Menschen, indem die alle neu werden. Neu nicht durch Austausch, sondern durch innere Erneuerung.

Es könnte aber auch heißen, dass neue Leute dazukommen. Die würden unsere Kirche verändern. Sonst blieben wir ja immer nur unter uns. Wenn morgen unsere Kirche zum Gottesdienst voll wäre, wären die bis-herigen Besucher in der Unterzahl. Man müsste, wie zu Weihnachten, draußen anstehen und hoffen, noch einen Platz zu bekommen. Vielleicht einen neuen Platz neben anderen Leuten. Doch unser Gesang würde bis nach draußen schallen, weil ja unsere Türen offenstehen würden. – Ich wünsche uns allen einen Glauben, der das erhofft und erträgt, und ein gesegnetes neues Jahr!

Ihr Pfr. Gabriel Beyer