Politisches Nachtgebet

Die Veranstaltungsreihe "Politisches Nachtgebet" findet mehrmals im Jahr in unserer Kirche statt. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushaltes. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der EEB (Evangelische Erwachsenenbildung) Sachsen statt. Hier finden Sie die Berichte zu den Veranstaltungen im aktuellen Kalenderjahr. 

Ältere Veranstaltungen sind hier archiviert: 2025  2024  2023  2022

Die Zahl so klein, die Debatte so riesig

„Muslime in Sachsen“ – der Dresdner Bundestagsabgeordnete Kassem Taher Saleh beim Politischen Nachtgebet im Juni

Als Kassem Taher Saleh im Juni zum Politischen Nachtgebet in unsere Kirche kam, hatte die Fußballweltmeisterschaft 2026 gerade begonnen. Unwichtig? Ja und nein. Eigentlich war sein Thema „Muslimisches Leben in Sachsen“ – und darüber sprach er dann auch –, aber zunächst mal ging es um seine ganz persönliche Integration. Und die hatte viel mit Fußball zu tun.

Der Mann, der heute für die Grünen im Bundestag sitzt, kam als Junge mit seinen Eltern und Brüdern auf der Flucht aus dem Irak nach Deutschland. In Plauen im Vogtland wuchs er auf in einem Asylbewerberheim. Dass er ankam in der deutschen Gesellschaft, war sicher auch ein Glücksfall: „Viele haben mir geholfen“, sagte er. Ein Nachbar gab ihm Nachhilfe, der Sportlehrer half beim Deutschlernen, im Fußballverein „lernte ich die Sprache, aber auch Fairness, Respekt, Anstand – der Trainer war wie ein zweiter Vater für mich“. Und Kassem Taher Saleh engagierte sich auch: wurde Klassensprecher, sogar Schulsprecher, holte das Abitur nach und studierte Bauingenieurwesen.

Heute spricht der 32-Jährige neben deutsch, arabisch und kurdisch auch noch englisch und spanisch. Ein Beispiel, wie Integration funktionieren kann. „Ich bin Sachsen extrem dankbar“, war sein Fazit - und das, wo doch gerade hier viel von einer drohenden „Islamisierung“ die Rede ist. Dabei lebten von den 5,5 Millionen Muslimen in Deutschland gerade mal zwei Prozent in Sachsen. Man müsse drei Dinge unterscheiden - den Islam, den Islamismus („eine Ideologie, von der ich mich klar abgrenze“) und den islamischen Extremismus (davon natürlich auch). Eine Vermischung stelle Menschen, auch ihn, unter Verdacht und schüre antimuslimische Vorurteile. Dabei habe gerade Sachsen mit 0,7 Prozent die niedrigste Zahl an muslimischen Einwohnern bundesweit. Die Zahl sei so klein, die Debatte so riesig, sagte Taher Saleh. „Das muslimische Leben in Sachsen ist unspektakulärer als die Debatte darüber.“ Aber es gebe auch hier unterschiedliche Gemeinden – liberale, etwa eine, die sich nach der Ermordung von Marwa El-Sherbini gründete und für Vielfalt und Offenheit stehe, aber auch andere; so könne er den Widerstand gegen einen Moscheebau in Johannstadt gut verstehen, dort gehe es um die ägyptische Muslim-Bruderschaft mit einem umstrittenen Vorsitzenden.

Angesprochen zum Beispiel auf die Verschleierung und die Burka sagte er: „Im Koran stehen keine Kleidervorschriften – das kommt von den Imamen, und zwar den konservativen.“ Kassem Taher Saleh plädierte also dafür, genau hinzusehen, „mehr mit den Menschen reden, die es betrifft“. Er selbst engagiert sich in diesem Austausch, erfährt aber in seinem politischen Leben selbst Hassbotschaften, Todesdrohungen – „die werden von meinem Team direkt juristisch weitergeleitet“. Für ihn steht fest: „Der antimuslimische Rassismus nimmt zu.“ Dagegen helfe vor allem Bildungsarbeit, wenn auch nur langfristig, aber man müsse sie angehen.

Ebenso setzt sich Taher Saleh ein für den Austausch, den religiösen Dialog, eher noch Trialog zwischen Christen, Muslimen und Juden. Das sei eine Frage des politischen Willens. Schon Papst Benedikt XVI. habe gesagt: „Wir lieben alle denselben Gott, nur jeder auf seine Weise.“ Gerade im gegenseitigen Interesse aneinander und der Vielfalt sieht Kassem Taher Saleh eine große Chance. „Nur so funktioniert eine Gesellschaft, und der Output ist gigantisch.“

Für Verständigung sprach sich auch Pfarrer Beyer aus in seiner einfühlsamen Begrüßung. Und sinnierte über ein paar mögliche Missverständnisse. So sei es keineswegs Verachtung gegenüber anderen Religionen, wenn Jesus im Johannes-Evangelium sagt: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Jesus beschäftigte sich eher mit der eigenen Religion und kritisierte sie auch, siehe die Vertreibung der Händler aus dem Tempel. Es gebe Unterschiede zwischen den beiden Religionen, sagte der Pfarrer, aber sie hätten „viel mehr gemeinsam als sie trennt“. Wir als Christen hätten „keinen Grund, auf Muslime herabzublicken und sie zu kritisieren“. Und er wünschte, dass viele Menschen das auch verstehen.

Peter Setzmann am Flügel hatte sich für die Musikbegleitung des Abend von arabischen Klängen inspirieren lassen. Nur zum Auftakt nicht: Da spielte er das fröhliche „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ - ein Ständchen für Klaus Gaber, der die Politischen Nachtgebet ins Leben rief und seit Jahren organisiert; denn der hatte just an diesem Tag Geburtstag.

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann

 

Knecht oder Herr? 

Der Tiefenpsychologie Wido Flachowsky sprach beim Politischen Nachtgebet im Mai über Vernunft und Intuition - und wie sie unser Verhalten prägen.

Es war eine Reise in die Tiefen (und Untiefen) des Gehirns und des Denkens, auf die uns der Tiefenpsychologe und Therapeut Wido Flachowsky im Mai mitnahm beim Politischen Nachtgebet in unserer Kirche. „Vernunft oder Instinkt – was bestimmt unser Verhalten?“ war sein Thema, wobei er Instinkt gleich durch Intuition ersetzte. Beides sei wichtig, sagte er, Vernunft und Intuition, aber: „Die Vernunft ist Knecht, nicht Herr.“ Was sicherlich für Ernüchterung sorgte bei den Zuhörern, denn – nehmen wir nicht alle für uns in Anspruch, Entscheidungen möglichst auf der Grundlage von Vernunft  zu treffen? Aber was ist mit dem berühmt-berüchtigten „Bauchgefühl“…

Wido Flachowsky war kurzfristig eingesprungen für den erkrankten Referenten, der vorgesehen war an diesem Abend. Und er hatte viel zu erzählen.    Zum Beispiel, wie unser Gehirn funktioniert. Ohne jetzt hier ins Detail gehen zu wollen - im Zwischenhirn ist, so Flachowsky, ein riesiger Wissensspeicher angelegt, „auch das Wissen der Ahnen bis hin zum Steinzeitmenschen“, dort seien etwa auch Instinkte, Gefühle, Intuition, Mitgefühl beheimatet - „auch die Religion“. Darauf stets zurückzugreifen, würde uns aber überfordern, deshalb ordnet die Großhirnrinde den Zugriff und schränkt ihn ein („auf höchstens sieben Faktoren gleichzeitig“), aber stellt Zusammenhänge her. Es vereinfacht. Flachowsky: „Und das glauben wir. Es hat mit der Wirklichkeit nicht immer etwas zu tun, aber entstresst uns durch einen reduzierten Blick auf die Welt.“

So entstehen Widersprüche. Wieso funktionieren destruktive Herrschaften? Wieso wählen in den USA Menschen einen Präsidenten wie Donald Trump? Wieso kann ein Mann wie Wladimir Putin sich lustig machen über „ihr mit euren Menschenrechten“? Wieso kann jemand, der heute zu Frieden aufruft, gar nicht unbedingt für Frieden sein? Wieso sind geschlossene Gesellschaften oft zum Scheitern verurteilt? Wieso sind radikale Thesen oft  erfolgreich? Flachowskys Antwort: Weil sie so schlüssig sind. Und extrem. Seine These: „Wer am meisten verspricht, lügt immer.“ Das sei eigentlich nicht schwer zu verstehen.

Mit einem Thema beschäftigte er sich beispielhaft – die „ständige Berieselung“ im Fernsehen zur Aufklärung über die NS-Zeit. Das geschehe mit guter Absicht, aber bewirke das Gegenteil – nicht „eine Haltung gegen den NS, sondern das Autoritäre manifestiert sich im Unterbewussten als äußerst effizient“. Das Zwischenhirn mache etwas anderes, als die Vernunft nahelegt. Was aber auch die Nazis (und viele vor ihnen) schon wussten und was bis heute gilt: „Menschen politisch anzusprechen geht viel einfacher über das Zwischenhirn - Destruktive nutzen das, um sich durchzusetzen.“ Zum Beispiel auch mit „Träumen von einer idealisierten gestrigen Welt“, die gern beschworen werden. „Das ist in uns angelegt und sinnvoll, sich an das Gute zu erinnern, hat nur mit der Wirklichkeit nichts zu tun.“ Ist aber stärker als das Rationale. Und Flachowsky schob die rhetorische Frage nach: „Haben Sie denn schon mal versucht, jemanden durch Vernunft zu überzeugen?“ Die Vernunft also in der Tat Knecht, nicht Herr? Trotzdem und umso mehr werde sie gebraucht, machte Flachowsky deutlich. „Ich will, dass das Vernunftbetonte aufrechterhalten bleibt, aber das verlieren wir gerade. Umso mehr betone ich es deshalb.“

Durch den Abend leitete und begleitete uns dieses Mal Dr. Maria Heinke-Probst, Pfarrerin in unsere Schwestergemeinde „Maria am Wasser“ in Hosterwitz. (Pfarrer Beyer war zur Kur.) Und sie machte das gut. „Natürlich wollen wir uns von der Vernunft leiten lassen“, das sah sie auch so. Und am besten dem biblischen Auftrag folgen: Setzt euch ein für die Gerechtigkeit, den Frieden, die Bewahrung der Schöpfung. Doch die Bibel kenne auch die Abgründe – „von Süchten, von Ängsten gejagt zu werden“. Die Bibel verwende dafür „das alte Wort Sünde“. Sie zitierte den Apostel Paulus, der das Dilemma – diesen tiefen menschlichen Konflikt – im Römerbrief beschrieb: „Das Gute das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Und sie hatte ein passendes Lied aus dem Gesangbuch gewählt: „Ohren gabst Du mir, hören kann ich nicht…“

Peter Setzmann hatte den Abend am Flügel eingeleitet mit einem bekannten und flehentlichen Musik-Appell, dem „Earth Song“ von Michael Jackson, und er beendete ihn mit Leonard Cohens „Halleluja“, unzählige Male nachgesungen von vielen Künstlern – und auch in unserer Kirche erklang das Lied nicht zum ersten und sicher auch nicht zum letzten Mal.

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann

 

Wenn die Singdrossel in der Kirche trällert

Der Bestseller-Autor Dr. Ernst Paul Dörfler erzählte beim
Politischen Nachtgebet im April, was wir von Vögeln lernen können

Ungewohnte Töne erklangen beim Politischen Nachtgebet im April. Mitgebracht hatte sie der Referent des Abends, Dr. Ernst Paul Dörfler, und es war der fröhliche Gesang der Singdrossel – vom Handy. Doch  sie setzte den Ton für diesen Abend, der eine ebenso unterhaltsame wie emotionale Werbung war für den Schutz und die Bewahrung, ja, das Wunder der Natur.

Dörfler als Autor und Umweltschützer beschreiben zu wollen, greift zu kurz. Seine Bücher sind Bestseller, und mit dem Leben in der und für die Natur beschäftigt er sich schon sein Leben lang – nicht nur, weil er einer der Gründer der Grünen-Parten in der DDR war und mit „Zurück zur Natur?“ geradezu ein Kultbuch der Ökologie in der DDR schrieb. Er lebt im Unesco-Biosphärenreservat Mittelelbe, bezeichnete sich an jenem Abend in unserer Kirche auch als „Selbstversorger“. Und er beschäftigt sich seit Jahren und in Büchern mit dem Leben der Vögel.

„Was wir von den Vögeln lernen können“, überschrieb er folgerichtig sein Politisches Nachtgebet. Es ist der Untertitel seines Buches „Nestwärme“, womit wir auch schon mitten im Thema wären. Denn das Wort kommt nicht von ungefähr: Vögel halten im Nest immer eine Temperatur von 37 bis 38 Grad, auch bei Kälte - und sie sparen Energie: Das Nest ist rund gebaut, die Materialien sind wärmedämmend. Fehlende Nestwärme könne zu psychischen Störungen führen – das weiß man heute: „Aber jetzt heißt es“, amüsierte sich der Vogelforscher, „rooming-in“.

Außerdem: Vögel suchen immer die Gemeinschaft, bis ins hohe Alter. „Im Frühjahr bleibt keiner alleine“, sagte Dörfler und verwies auf das muntere Zwitschern vor Sonnenaufgang. Es dient der Partnersuche. Und, fand Dörfler, es vermittele auch Mut und Zuversicht: „Die Vögel singen, wenn es am Morgen noch dunkel ist.“ Welcher Vogel singt überhaupt am schönsten? „Die Amsel-Lieder kommen unserem Harmonieverständnis am nächsten“, fand Dörfler und erinnerte, dass die Beatles ihr mit„Blackbird“ sogar ein Lied gewidmet haben.

Ganz still hingegen sollte sein, wer Vögel beobachtet will. Das werde zurzeit wieder immer beliebter, sagt Dörfler und konnte auf eine Studie der Universität Ottawa verweisen: „Wer regelmäßig Vögel beobachtet, kann Demenz vorbeugen.“ Und sein Credo ganz allgemein: „Gehen Sie mehr in die Natur“ – die Finnen zum Beispiel, seit Jahren das glücklichste Land der Welt, gäben zu 97 Prozent an, sie fänden ihr Glück in der Natur.

Wo wiederum die Vögel ein weiteres Beispiel geben – für die Ernährung: Vom Silberreiher etwa könne man das Intervallfasten lernen, das Maßhalten: „Wir in der Wohlstandsgesellschaft haben uns von der Natur entfernt.“ Und was essen die Vögel? „Immer regional, immer saisonal, immer naturbelassen.“

Mehr Vögel seien auch mehr Lebensqualität, sagte Dörfler, und konnte auf eine Zuhörerfrage nur teilweise beruhigen: „Den Vögeln in Wald und Garten geht es gut, aber Feld- und Wiesenvögel gehen stark zurück.“ Eine Lösung könne nur sein „die Umstellung auf pestizidfreie Lebensmittelerzeugung.“ Windräder als Gefahr für die Vögel sah er nicht. Moderne Technik erkenne nahende Vögel, dann werde das Windrad aus dem Wind gedreht und verlangsamt. „Das Thema ist abgeräumt, darüber bin ich sehr glücklich.“ Denn ohne erneuerbare Energien werde es nicht gehen. „Wir haben ein Klimaproblem“, sagte Dörfler, „ und wir haben ein Wasserproblem. Und wenn’s uns nicht gelingt, die Klimaerwärmung aufzuhalten, bekommen wir auch ein Ernährungsproblem.“ Zudem seien Wind und Sonne „definitiv die billigste Energiequelle“.

Pfarrer Beyer konnte in seiner Begrüßung auch mit Klängen punkten, hatte er doch im Gesangbuch das schöne Lied 504 gewählt: „Himmel, Erde, Luft und Meer / zeugen von des Schöpfers Ehr’“. Aus Sicht des Theologen verwies er darauf, dass „die Natur“ eigentlich in der Bibel kein eigenes Thema sei, es gehe um „die Schöpfung – wir Menschen sind Kinder Gottes und in der Bibel Teil der Schöpfung“. Und er gab einen bedenkenswerten Hinweis: Sich die Erde „untertan machen“, wie es im 1. Buch Mose heißt, bedeute eben vor allem „Verantwortung übernehmen“ – kann man heutzutage kaum genug betonen.

Peter Setzmann am Flügel hatte sich an diesem Abend für Volksliedhaftes entschieden: „Der Frühling hat sich eingestellt“ (Hoffmann v. Fallersleben), „Die beste Zeit im Jahr ist mein“ (Luther), ein kraftvolles „Danket dem Herrn“ gab er zum Schluss und entließ die zahlreichen Zuhörer in eine Nacht, die für einige nur kurz war. Denn am nächsten Morgen um 7 Uhr begann schon eine Wanderung mit Dr. Dörfler zu den Singvögeln in der Heide…

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann

Vogelstimmenwanderung am 18. April

Die Meistersänger vom Hirsch…

…luden ein zum Konzert am Samstagmorgen im Wald. Mit gespitzten Ohren und unter fachkundiger Führung von Dr. Ernst Paul Dörfler, einem langjährigen Umweltschützer und Autor, waren ihnen über 40 Vogelfreunde auf der Spur, die der Einladung von InGe zu dieser Wanderung gefolgt waren.

Geübte Lauscher konnten neben denbekannten Konzertmeistern Amsel, Buchfink und Kohlmeise auch Waldlaubsänger, Sommergoldhähnchen, Trauerschnäpper und Kernbeißer identifizieren, weniger Geübte immerhin den Specht. Dörfler bereicherte den polyphonen Hörgenuss auf angenehm unterhaltsame Weise mit informativen Details aus dem Gefühlsleben von einigen der 250 in Deutschland lebenden Brutvogelarten und gab Einblick in Gepflogenheiten bei Partnersuche, Nestbau und Aufzucht der Jungen, wobei jede Art andere Praktiken pflegt, was enorme Diversität erzeugt. Die einzige Gemeinsamkeit außer der Anatomie: Die Weibchen legen die Eier. Interessant war auch, dass Singvögel nur saisonale Beziehungen eingehen und oft außereheliche Kontakte unterhalten. Nicht von der Hand zu weisen sind allerdings die Gefahren, denen unsere „Brüder Vöglein“ (Franz v. Assisi) heutzutage ausgesetzt sind.
Dörfler nannte: 

  • die Ordnung, also aufgeräumte Gärten und Flächen ohne jegliches Versteck, was es besonders Bodenbrütern und Feldvögeln schwer macht. Auf den Feldern gibt es keine blühenden Pflanzen und Gräser mehr, von denen Vögel Futter holen können. Wiesen werden zeitig und in kurzen Abständen abgemäht. Mähroboter sind besonders schädlich.
  • die konventionelle Landwirtschaft mit ihren chemischen Keulen, die Insekten und Kleinstlebewesen auf den Feldern abtötet und damit die Futterquellen stark reduziert. Von daher empfahl er nachdrücklich, den Ökolandbau durch den Kauf biologisch erzeugter Produkte zu stärken.

Die kurzweilige Wanderung klang aus bei einem gemeinsamen Frühstück im Gemeindehaus und war bei allen Teilnehmern auf wohlwollende Resonanz gestoßen.

Text und Foto: Anke Gaber für InGe

Wie frei kann man in Russland noch denken?

Maxim Andreev und Konstantin Kosov sprachen und informierten beim Politischen Nachtgebet im März

Einen Blick werfen in die russische Gesellschaft heute, hinter die Kulissen der offiziellen Propaganda. Das war ein Ziel unseres Politischen Nachtgebets im März. Und zwei Russen waren gekommen, um dabei zu helfen. Maxim Andreev lebt bereits seit zehn Jahren in Dresden, engagiert sich hier unter anderem im Ausländerbeirat; Konstantin Kosov ist erst seit drei Jahren hier, floh aus Russland über Georgien nach Deutschland – er war in St. Petersburg Feuerwehrmann und kritischer Kommunalpolitiker. Ihr Thema in unserer Kirche: „Frei denken in Russland? (unerwünscht)“

Konstantin Kosov (im Foto links) hat erlebt, wie es immer schwieriger geworden ist, seine Meinung in Putins Russland frei zu äußern. Lange Zeit, meinte Maxim Andreev, der auch dolmetschte, sei Russland „keine Diktatur gewesen, sondern ein autoritärer Staat“. Das ist mittlerweile anders, vor allem seit dem Kriegsbeginn (schon 2014 mit der Annexion der Krim, erst recht ab 2022). Es gebe „so gut wie keine politischen Themen, die offen diskutiert werden“, sagte Kosov. „Jede Gruppe, die so etwas versucht, wenn sie größer wird, ist sie in Gefahr. Wer demonstriert, muss mit hohen Haftstrafen rechnen.“ Das Regime schaffe eine Atmosphäre der Angst, ergänzte Andreev: „Repressionen sind Teil der Strategie.“ Auch die russisch-orthodoxe Kirche sei Teil des Regimes, offene Diskussionen - „anders als damals in der DDR“ - seien auch dort nicht möglich. Der Tod – oder: die Ermordung – bekannter Regimegegner wie Boris Nemzow und Alexej Nawalny (die Liste ist lang) tat ihr Übriges.

Wie gehen also die Menschen, gerade auch junge, mit der jetzigen Situation um? Die Mehrheit, so Kosov, versuche, den Krieg zu ignorieren, sei passiv. „Viele leben in Armut, haben mehrere Jobs und keine Zeit, über den Krieg nachzudenken.“ Eine kleine Minderheit sei für den Krieg, eine größere dagegen. „60 Prozent ignorieren ihn einfach.“ Kosov verurteilte schon die Krim-Invasion, auch gegenüber Kollegen. „Man konnte nicht fassen, dass Putin so etwas machen würde“, erinnerte er sich an die Zeit. „Es war klar, das würde vor allem Russland schaden.“ Aber viele Menschen hätten sie begrüßt: „Es gab gute russische Propaganda.“

In die Politik ging Kosov 2016 - „da konnte man noch gegen Putin-Kandidaten gewinnen“. Er holte ein Mandat als unabhängiger Kandidat in einem Stadtbezirksrat von St. Petersburg. Seine Motive: Nach Jahren und einer Karriere bei der Feuerwehr habe er erkannt, wie korrupt das System ist und den Menschen schadet. „Und ich wollte ein besseres Russland für meinen Sohn.“ Als er gewählt war, habe man ihm geraten, geopolitische Themen besser nicht anzusprechen. Kosov kümmerte sich um Probleme vor Ort, mit viel Engagement. Probleme, sagt er, bekam er vor allem von der Feuerwehrführung. Und die russische Bürokratie war für ihn „eine kalte Dusche“ - ihr einziger Zweck sein, alle Initiativen, die nicht von ihr selbst kommen, auszubremsen und zu stoppen. Auch die Wahlen seien viel intransparenter geworden.

Als Kosov nach der „Totalinvasion in die Ukraine“ eine Petition von Kommunalpolitikern mit der Forderung nach dem Rücktritt Putins und dem Ende des Krieges unterzeichnet hatte, als nur wenige Leute zu einem organisierten Protestmarsch kamen, erkannte er: „Die Russen werden nicht aufstehen.“ Sie hätten sich an eine „gelernte Hilflosigkeit“ gewöhnt: Wir können sowieso nichts tun. Und für ihn – als kritischer Feuerwehrmann und Politiker „besonders gefährdet“ – war klar: „Ich muss Russland verlassen.“

Hier in Deutschland engagiert er sich wie Andreev in dem Verein Russischsprachige Demokratinnen und Demokraten e.V. für die Unterstützung aus Russland geflüchteter Menschen. Was erwarten sie für die Zukunft Russlands? Maxim Andreev war skeptisch; er hält das Land für „ein stabiles diktatorisches System“ und denkt, es könne eher noch schlimmer werden. Konstantin Kosov will sich einen Rest Hoffnung nicht nehmen lassen - „aber erst, wenn dieses Regime verändert oder beendet wird“. Zudem sprach er sich sehr deutlich für „die volle Unterstützung der Ukraine“ aus, und für mehr Sanktionen gegen Russland und das Militär, gegen Putin selbst, seinen Machtapparat und die Oligarchen.

Pfarrer Beyer kam in seiner Begrüßung zu dem naheliegenden Schluss, dass über Russland in der Bibel nichts zu finden sei. Aber umso mehr über Freiheit und „die Befreiungen, die Gott dem Menschen zuteil werden lässt“. Im Alten Testament die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen  Gefangenschaft und aus dem babylonischen Exil, im Neuen Testament die Befreiung des Menschen von der Sünde, von „den Dämonen, den Mächten, die uns besitzen“, vom Tod als endgültigem Ende. Er erinnerte an Martin Luther und seine Schrift „Von der Freiheit des Christenmenschen“. Und an dessen Disput mit Erasmus von Rotterdam über die Frage, ob der Mensch einen freien Willen habe. Durch den Glauben seien wir frei, sagte Beyer: „Gott hat uns freigesprochen.“ Nun müssen wir – diese Anmerkung sei gestattet – diese Freiheit „nur noch“ sinnvoll nutzen…

Peter Setzmann nahm sich am Flügel die Freiheit, dieses Nachtgebet mit der Musik russischer Komponisten zu begleiten. Schostakowitsch zum Auftakt, Tschaikowsky als Zwischenspiel, und zum Ausklang ein Marsch von Prokofjew.

Text und Foto: Bernd Hempelmann

 

„Das würde die Welt besser machen“

Fairer Handel und Lieferkettengesetz waren das Thema beim Politischen Nachtgebet im Februar

Wenn man die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO (1948) und die Künstliche Intelligenz von ChatGPT (2026) in einem Politischen Nachtgebet bemüht, dann ist klar: Hier handelt es sich um ein sehr wichtiges Thema. Und auch ein schwieriges? Wie man’s nimmt. Zu Gast waren jedenfalls mit Claudia Greifenhahn, Geschäftsführerin des Ladencafés „aha“, das sich nachhaltigen, fair gehandelten Produkten verschrieben hat, und Georg Clauß vom Ökumenischen Informationszentrum Dresden (ÖIZ), der sich dort mit Fragen des internationalen, fairen Handels und dem Lieferkettengesetz beschäftigt, zwei, die sich sehr gut auskennen. Ihr Thema: „Fair handeln, verantwortungsbewusst kaufen“.

Georg Clauß setzte zum Auftakt gleich den Grundton: „Wenn die reichen Ländern den armen Ländern faire Preise zahlen würden“, zitierte er den brasilianischen Erzbischof und Menschenrechtler Dom Hélder Câmara, „könnten sie ihre ganzen Hilfen und Subventionen für sich behalten.“ Denn darum geht es: Fairness und Gerechtigkeit. Deshalb war die Menschenrechtserklärung der UN, so Clauß, „ein großer Schritt“ nach Jahrhunderten, „wo Ausbeutung Alltag war“. Das hing auch zusammen mit dem Kolonialismus - nicht von ungefähr hießen Lebensmittelgeschäfte früher „Kolonialwarenladen“; die typischen Waren waren Kaffee, Tee, Kakao, Zucker… geerntet, gefördert und exportiert unter ausbeuterischen Verhältnissen, mit schlimmsten Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, miserablen Löhnen, machten sie die Händler reich, die Herstellerländer arm. Die Förderung begehrter Bodenschätze kam hinzu - zerstörte die Umwelt und machte Menschen krank.

In vielen Fällen ist das bis heute nicht anders. Seit 2022 soll das „Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz“ (wie es richtig heißt), Unternehmen zwingen zu prüfen und zu bewerten, ob bei der Herstellung ihrer Produkte Risiken für Menschenrechte bestehen, und Missstände anzugehen. Das ist anspruchsvoll. Und es gilt erst ab Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern. Georg Clauß formulierte einen entscheidenden Unterschied: es gehe nicht einfach um eine Wertschöpfungskette, sondern um eine Wertschätzungskette. Gerade bei jungen Leuten, meinte Griefenhahn, sei das Bewusstsein deutlich gestiegen: Wie kann ich verantwortungsvoll konsumieren. „Sind wir bereit,“ fragte sie, „nicht nur an uns, sondern groß zu denken? Das würde die Welt besser machen.“

Was haben nun Lieferkettengesetz und fairer Handel miteinander zu tun? Claudia Griefenhahn hatte eine Erklärung bei der ChatGPT-KI gefunden: „Das Lieferkettengesetz verhindert das Schlimmste - der faire Handel versucht es besser zu machen.“ Sie ergänzte: „Das Lieferkettengesetz richtet sich an Unternehmen, der faire Handel betrifft uns als Verbraucher.“ Denn es sind unsere Kaufentscheidungen, die den fairen Handel unterstützen, fördern, beleben - oder eben nicht.

Problem: Wie erkenne ich fair gehandelte, fair produzierte Produkte? Kann ich mich als Verbraucher orientieren anhand der vielen Siegel auf Produkten, die das angeblich nachweisen? Die beiden Referenten waren da skeptisch und sahen eine Überforderung des Kunden, der sich da zurechtfinden will. „Es ist nicht gut“, sagte Griefenhahn, „dass die Entscheidung im Supermarkt auf den Verbraucher abgewälzt wird.“ Besser wäre, höhere Standards zu setzen für alle. Es gibt allerdings auch Hilfen. Siegel-Checks im Internet; und Eine-Welt-Läden zum Beispiel, entstanden aus der Überzeugung heraus, dass Handel fair sein muss, leisten Bildungsarbeit: wie geht das - verantwortungsbewusst konsumieren?

In ihrem aha-Café und -Laden achtet Geschäftsführerin Griefenhahn streng auf solche Kriterien: „Wir arbeiten zusammen mit Importeuren, die schon höhere Standards haben und ausschließlich faire Produkte handeln.“ In Dresden hat sich dafür eigens eine Genossenschaft gegründet - die F.A.I.R.E Warenhandels eG (www.faire.de).

Es geht beim fairen Handel ja nicht nur um Gerechtigkeit und Menschenrecht, es geht auch um eine gesunde Umwelt. Pfarrer Beyer hatte einleitend darauf hingewiesen, dass es schon in der Bibel stehe - die Schöpfung bewahren, gerecht miteinander wirtschaften, ehrlich und verlässlich sein. Alles Werte, die ein wirklich fairer Handel sorgsam mitbedenkt. Peter Setzmann am Flügel hatte sich zum Auftakt für „Die kleine Kneipe“ entschieden (in der hoffentlich fair gehandelte Produkte verarbeitet werden), die Peter Alexander einst besang - als Hommage an eine heile Welt. Und er entließ uns mit den beschwingten Tönen des Jazzstandards  „All of me“ von 1931 – eine Melodie, die wohl jeder kennt, aber ihren Titel nur wenige.

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann